Kartenmagier in Ostgrönland

Kartenmagier in Ostgrönland

Punkte und Linien

Der britische YouTuber „GeoWizard“ (563.000 Abonnent*innen) unterhält seine Zuschauer*innen mit zwei Dingen:
Ein Onlinespiel bringt ihn virtuell an zufällige Standorte auf Google Maps und er muss anhand von örtlichen Besonderheiten, Vegetation , Straßennamen etc. möglichst genau erraten, wo er sich befindet. Je besser er geraten hat, desto mehr Punkte kann er erreichen.

Der Unterhaltungswert besteht darin, mit GeoWizard mitzuraten und sich zu freuen, wenn dieser Fuchs mal wieder goldrichtig war oder, was selten passiert, nicht einmal den richtigen Kontinent erraten hat.

Die Welt wird so von GeoWizard von zu Hause aus punktuell erkundet.

Die zweite Leidenschaft von GeoWizard, an der er seine Zuschauer*innen teilhaben lässt, ist, ein bestimmtes Land zu Fuß zu durchqueren. Und zwar nicht auf Wanderwegen oder Straßen sondern auf einer Geraden, die er per GPS-Gerät immer vor sich sieht. Die Kunst besteht nun darin, von der einen Landesgrenze zur anderen zu gelangen, ohne nur wenige Meter von dieser Geraden abzuweichen. GeoWizard muss Schluchten durchqueren, Flüsse durchwaten, Kuhweiden überqueren (ohne von eventuell aufgebrachten Landwirten erwischt zu werden), Zäune, Mauern und Hecken erklimmen. Die Kamera ist dabei und wir fiebern mit. Denn die Linie muss eingehalten werden, komme was wolle!

Für uns Zuschauer*innen vor den Bildschirmen ist die Geographie in der Welt von GeoWizard null- und eindimensional: Sie ist durch Punkte und Linien erfahrbar.

Digitale Knochen

Die Volksgruppe der Tunumiit auf Ostgrönland hatte in vorkolonialer Zeit eine ganz ähnliche, wenn auch viel kompliziertere und Art, sich an den Küsten mit ihren Booten zu orientieren. Da ihnen kein GPS- Gerät mit vorgegebener Strecke zur Verfügung stand, fertigten sie aus der Erinnerung Schnitzereien aus Holz oder Knochen an, die die Küstenlinie abbildeten. So konnten sie die Route mit den Fingerkuppen nachfahren und sich die Küstenlandschaft einprägen. Eine im wahrsten Sinne des Wortes digitale Technik: Digitus bedeutet Finger auf lateinisch.

Die eindimensionale GPS- Gerade wird bei den Tunumiit zum dreidimensionalen Objekt, das keine Gerade darstellt, sondern eine kurvenreiche Linie. Für Menschen des 21. Jahrhunderts grenzt eine solche Form der Navigation im gleichen Maße an Magie, wie die Tunumiit GeoWizards GPS-Gerät ungläubig bestaunt hätten.

Der Youtuber im 21. Jahrhundert kann sich dank digitaler Technik auf geometrisch simple Weise die Welt zu Eigen machen: Punkte und Linien. Die Ostgrönländer aus dem 19. Jahrhundert konnten sich mit ihrer digitalen Technik die Welt auf Holz und Knochen erschließen, die geographischen Gegebenheiten ihrer Welt ließen allerdings nur verschlungene Wege zu.

Menschen machen sich immer ein Bild von der Welt, je nach Stand der Technik oder des Erfahrungs-Hintergrundes ist es vollkommen anderes. Vermeintlich objektive Karten und Welt-Bilder sind meistens nur aus einer bestimmten Perspektive richtig.

Lest mehr über Weltbilder, Perspektiven und Karten in unserem Bulletin No. 3, das Anfang 2021 erscheinen wird.

Bildnachweis >>Hakai Magazine

Ein Beitrag von >>Anselm Stählin

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